Er ist der Mann mit der Video-Kamera - Schauspieler Jason Salkey, der den Rifleman Harris in der TV-Serie "Die Scharfschützen" spielte.

In der deutschen "Scharfschützen"-DVD-Box (deren zweite Sammlerausgabe am 13. November 2008 erscheinen soll) sind 10-minütige Ausschnitte aus seinen berühmten "Harris Video Diaries" enthalten, die 8. Folge wird in Kürze erscheinen. Die "Diaries" gehen über jeweils ca. 1 Stunde und geben faszinierende Einblicke in die Welt hinter den Kulissen...

Das folgende Interview ist der zweite Teil - rg/26. September 2008

 

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Renate: Sie erzählen uns vom Wechsel des Sharpe-Schauspielers von Paul McGann zu Sean Bean. Heute ist es schwierig, zu verstehen, welche Bedeutung das damals hatte. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

 

 
 

Jason: Kurz nachdem Paul sich verletzt hatte, dachten wir, er würde sich sehr schnell erholen, ohne daß das großen Einfluß auf die Show hätte. In den folgenden Tagen wurde uns dann langsam klar, dass seine Knieverletzung ernster war, als wir zuerst dachten.

Als dann Paul sein Knie zwei weitere Male verletzte, als wir versuchten, Action-Szenen für den Film zu drehen, wurde entschieden, dass er zurück nach England fährt, um zu sehen, ob die Behandlung dort zu einer schnelleren Heilung führt. Das war der Moment, als die Stammbesatzung ein klein wenig panisch wurde. Wir befürchteten, dass dieser Traum-Job vorbei sein könnte, bevor er überhaupt angefangen hatte, bevor man überhaupt irgendetwas davon sehen konnte.

 

Mehr Sorgen machte uns der Gedanke, dass die Produktionsfirma nicht in der Lage gewesen war, den Star der Show vor einer Wieder-Verletzung zu schützen, so dass wir von da an alle befürchteten, dass wir uns im Rahmen unserer Arbeit ernsthaft verletzen könnten ohne angemessene Behandlung zu erhalten.

     

Renate: Merkwürdigerweise stiess Sean Bean aufgrund des "Mc-Cann-Unfalls" erst später zu Cast und Crew - genau wie Sharpe in der ersten Episode - Sharpes Rifles, in der er erst herausfinden muß, wie er mit den Leuten seiner Einheit umgehen soll. Denken sie, dass dies einen Einfluß darauf hatte, wie sie alle spielten? Und war es schwierig für Sie und die anderen Schauspieler, nachdem sie schon Szenen mit Paul McGann gedreht hatten, sich an einen anderen Schauspieler in der Rolle zu gewöhnen?

 

 
  Jason: Die "Chosen Men" hatten zu dem Zeitpunkt, an dem Sean eintraf, schon ein ziemlich enges Band geknüpft und wir waren froh, jemanden zu sehen, der die Rolle übernahm. Unser Haupt-Impuls war, es Sean zu erleichtern, in die Rolle hineinzufinden und ihm unsere gesammelten Erfahrungen über das Leben auf der Krim zu übermitteln.

Ich glaube nicht, das der Wechsel bei Sharpe irgendeinen Einfluß darauf hatte, wie wir unsere Charaktere spielten, aber es machte uns allen klar, dass, wenn der Hauptakteur so leicht ersetzt werden kann, dies auch jedem von uns jederzeit passieren könnte.

     

Renate: Ich habe irgendwo gelesen, dass alles so schnell gehen mußte, dass keine Zeit mehr war, eine neue, passende Uniform für Sean Bean zu schneidern, so dass er in den ersten Szenen, die mit dem neuen Sharpe gedreht wurden, die alte von Paul McGann tragen mußte. Erinnern Sie sich, ob das wahr ist??

 

 
  Jason: Ja, wahr. Ein enges Budget diktierte, dass man sich ein neues Jacket nicht leisten konnte, also wurden von der Kostümabteilung leichte Änderungen an der für Paul gemachten Uniform vorgenommen. Das Bild von Seans stramm sitzender Uniformjacke die vorne auseinanderklaffte, war dann ganz schön cool.
     

Renate: Haben Sie schon einmal Truffauts Film"La Nuit américaine" gesehen? Ich war überzeugt, das dies (Filmen am Tag mit einem speziellen Filter, so dass es dunkel aussieht) die Art und Weise ist, wie Nachtszenen gedreht werden! Aber nach dem, was ich in den "Diaries" gesehen habe, war es nicht ganz so bei Sharpe? Können Sie uns etwas über "Les nuits de Sharpe" erzählen?

 

 
  Jason: Bei den Nacht-Dreharbeiten gab es sehr wenig, auf das man sich freuen konnte. Alles dauert länger zum Einrichten, man muß zu sehr merkwürdigen Zeiten essen und es zerstört dein Leben bei Tageslicht.

Ich bin eigentlich nur in Truffauts Film diesem speziellen "Tag für Nacht" (englische Bezeichnung dafür) begegnet, es hat vielleicht nie in der britischen Filmindustrie Verwendung gefunden?

     

Renate: Es scheint so, das auf den Film-Sets auch immer für ein Catering gesorgt ist - war das bei Sharpe auch so? Oder mußten sie ihre eigenen Mahlzeiten kochen? Und - wir Kontinental-Europäer haben natürlich immer dieses Bild vor Augen, dass alle Engländer immer Tee trinken - haben sie? Oder was sonst?

 

 
  Jason: Wenn ein Schauspieler "on location" filmt, darf er/sie drei Mahlzeiten am Tag erwarten und ein "per diem" für Abend-Mahlzeiten. Natürlich war Sharpe auf der Krim eine etwas andere Sache. Im ersten Jahr war das mieseste, was das Management uns zumutete, die Mahlzeiten, die in einer Sanatoriumsküche von einheimischen Köchen zubereitet wurden. Das verbesserte sich kaum, als englische Köche die Küche übernahmen.

Die Pause zwischen Paul McGanns Abgang und Seans Ankunft ermöglichte es mir, ein kulinarisches Überlebens-Kit zusammenzustellen. Ein Kit, das andere dann zum Vorbild genommen haben: kleiner Kocher, Topf und Pfannen, Gewürze, Nudeln, getrocknete Vorräte und natürlich Teebeutel und ein Wasserkessel.


     

Renate: Das alles führt, man könnte fast sagen ganz "natürlich" zur Frage der Hygiene. Ich kann mir nicht helfen, aber ich muß das fragen - kann man in der Wildnis der Krim Toiletten finden? Oder... Ich meine, es wurden keine Latrinen gegraben? Oder doch?

 

 
  Jason: Tatsächlich hatten wir, begleitend zu dem miesen Essen, ein Hygiene-Problem, das dazu führte, das viele Team-Mitglieder viel Zeit nahe der komisch aussehenden (in Simferopol) einheimischen Toilettenschüsseln verbrachten. In unseren Jalta-"Hotels" waren die Toiletten besser - aber ohne Spülung, wenn das Wasser abgesperrt war, was mit nervtötender Regelmäßigkeit immer wieder passierte.

Auf dem Set hatten wir eine sehr bemerkenswerte mobile Toilette, ironischerweise "Honigwagen" genannt. Im ersten Jahr war das ein Eimer mit einem Sitz obendrauf - im Hochsommer war der Duft, wie man sich vorstellen kann, so weit von Honig entfernt, wie es nur möglich ist.

Aus dem alptraumhaften Inneren des Honig-Wagens stieg man aus und erhielt ein klitzekleines Stück Seife von der Honig-Wagen-Lady, die dann deine Seifenhände in einer kleinen Schüssel mit Wasser abspülte.

Ah, das waren halt Zeiten!

     

Renate: Was passierte, wenn jemand von Cast und Crew krank wurde? Oder wurde es ihnen einfach nicht erlaubt, krank zu werden?

 

 
 

Jason: Die meisten Leute hatten während der ersten drei Sharpe-Saisonen mit Problemen des Verdauungstraktes zu tun und wir hatten einen gut Teil an Leuten, die in der Türkei mit Erkältungs-Krankheiten zu kämpfen hatten. Und wie ich durch Paddy World News (Daragh) gehört habe, hatten viele Crewmitglieder während des Drehs von Challenge und Peril in Indien unter dem 'Delhi Belly’ zu leiden.

Wenn man auf die Füsse kam, ging man normalerweise zur Arbeit. Wenn ein Schauspieler krank wurde oder verletzt war, dann bedeutete dass, das der Drehplan geändert werden mußte. Bei Sharpe war es besser, man war so hart wie Krupp-Stahl und und erschien am Morgen zum Transport, auch wenn man halbtot war.

     

Renate: Sie haben uns erzählt, das eine Film-Saison ungefähr 3 bis 4 Monate dauerte. Wie war das, nach so langer Zeit wieder heimzukommen?

 

 
  Jason: Heimzukommen nachdem man auf der Krim gewesen war war sehr eigenartig, denn man war dort während eines langen Drehs abgeschnitten von der Außenwelt. Es muß vor allem hart für die gewesen sein, die Frau und Kinder hatten.

Von einem verschlafenen Küstenstädchen im Winter in den dunklen, feuchten urbanen Wirbel der Großstadt London zu kommen, war auch ein Schock für das System, aber wenigstens gab es Nacht-Takeaways und eine Fülle von leckerem Essen in allen Läden.

Natürlich war für mich die Heimkehr mit einer schwangeren Verlobten nach dem ersten Sharpe das eigenartigste!

     

Renate: Wann wurde ihnen allen klar, das die Sharpe-Serie ein großer Erfolg war? Und wie hat sich ihr Leben dadurch verändert?

 

 
  Jason: Sobald ich das erste Buch (Rifles) gelesen hatte, wußte ich, dass wir auf einen Sieger gesetzt hatten. Natürlich ist Seans Darstellung superb, aber ich glaube, der allgemeine Erfolg und die Langlebigkeit des Sharpe TV Franchise haben ihren Ursprung in Bernard Cornwells brillianten Romanen.

Mein Leben änderte sich, weil ich meine Frau getroffen und mit ihr unser Kind während der Sharpe-Jahre bekommen habe. Soweit es meine Schauspiel-Karriere betrifft, hat es mir überhaupt nicht geholfen, Arbeit zu finden. Je ne regret rien.

     

Renate: Wenn ich heutzutage eine Sharpe-Folge ansehe, muß ich immer denken, dass das Leben der Soldaten und ihre Kameradschaft deshalb so intensiv und wahr wirken, weil sie alle, wie die Soldaten die sie spielen, Wege finden mußten, unter schwierigen Umständen weit weg von zu Hause zu (über)leben. Das wird auch klar, wenn man die Harris Diaries anschaut. War das der Grund für sie, diese Diaries zu machen? Um zu zeigen, wie die Leute unter diesen Umständen wirklich gelebt haben?


 
  Jason: Der Haupt-Beweggrund dafür meine Videokamera mit "an die Front" zu nehmen war der Wunsch, jedem daheim im "Westen" zu zeigen, wie es wirklich hinter dem geheimnisvollen und vorher verbotenen Eisernen Vorhang war.

Ich habe schon immer Entwicklungen jedweder Art dokumentiert, sowohl durch Bilder als auch durch Worte. Sei es ein neuer Stand bei Stamford Bridge, dem Heim meiner Mannschaft Chelsea oder die Entwicklungsschritte unseres kleinen "Chosen Sharpe" Babies, ich habe es schon immer geliebt, Entwicklungen festzuhalten.

Ich wollte ein Schlaglicht werfen auf ein Gebiet in Europa, das bisher für uns unbekanntes Terrain war, aber ich wollte auch die unglaubliche Erfahrung dokumentieren, die es war, diese phantastische Kreation vom Buch auf den Bildschirm zu bringen, und wie oft es nahezu ein Ding des Unmöglichen war, diese Arbeit in der sich gerade aufgelösten Sowiet-Union zu vollbringen.

     

Renate: Die Sharpe-"Kampagne" dauerte 5 Jahre - eine lange Zeit. Wie war es, als diese Zeit zuende ging?

 

 
  Jason: Nach dem Ende der lebensverändernden Achterbahnfahrt, die Sharpe war, blieb ich mit einer großen Menge Traurigkeit, Bitterkeit und Bedauern zurück.

Traurigkeit aufgrund der Tatsache, das wir wohl nie mehr als Einheit zusammenkommen würden. Bitterkeit, weil ich in zwei Dritteln der letzten Serien ausgelassen worden bin, und Bedauern bezüglich bestimmter Entscheidungen, die möglicherweise dazu beigetragen haben, dass ich bei der letzten Tour nur noch begrenzt dabei war.

Immerhin kann ich darauf hinweisen, dass die Hagman/Harris Todesszene vielleicht die erinnerungswürdigste der letzten drei Episoden - wenn nicht der ganzen Serie - war. Etwas, das mir erst im Gespräch mit Fans der Show 12 Jahre nach dem Ende meiner Zeit - in den Sharpe-Filmen selbst meine ich - klargeworden ist.

 


     

Renate: Sie selbst haben, wenn ich richtig rechne, dann nochmals 5 Jahre gebraucht, bevor sie mit den Daries starten konnten. Was war der Grund dafür?

 

 
  Jason: 6 Jahre, genaugenommen! Es gab verschiedene Gründe, warum es so lange dauerte, bis ich die Idee für die Video-Tagebücher hatte, zunächst, während des Filmens selbst, hatte ich keine wirkliche Vorstellung davon, was das Endprodukt sein könnte. Dann, in der Nach-Sharpe-Welt, mußte ich eine Familie erhalten, ein neues Haus beziehen und ich hatte keinen Computer und keine Editier-Ausrüstung.

Als der weltweite Kult um Sharpe zu wachsen begonnen hatte, wurde mir klar, was für einen Schatz an Bild-Material ich auf meinem Dachboden hatte und ich habe angefangen, daran zu arbeiten, wie ich ihn präsentieren könnte. Das Endergebnis sind natürlich die Harris Video Diaries, die eigenartigerweise nun wiederum 6 Jahre gebraucht haben, um den jetzigen Status mit 8 Ausgaben zu erreichen, wobei ich wohl noch ein oder zwei abschließende Episoden machen werde.


Renate: Wenn Sie heutzutage ihre Sharpe-Kollegen treffen, wie ist das?

 

 
 

Jason: Es ist immer eine Freude, einen meiner Sharpe-Kameraden zu treffen, das was wir alle zusammen durchgestanden haben hat ein Band zwischen uns geschaffen, das vermutlich nie zu vergessen ist. Ich versuche in regelmäßigem Kontakt mit denen zu bleiben, die die volle "harte Zeit" bei Sharpe durchgestanden haben, aber es ist immer ein Erlebnis, irgendeinen aus den 5 Jahren zu treffen, es führt immer zu einem lebhaften Austausch von Erinnerungen.

Hoffentlich werden wir uns immer daran erinnern!

 

 


     
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Interview mit Rifleman Harris

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